Interview mit Carsten Grawunder

Bürgermeister aus Drensteinfurt und Vorsitzender der Stadtregion

Carsten Grawunder © Stadt Drensteinfurt

Drensteinfurts Bürgermeister Carsten Grawunder ist Sprecher der Stadtregion Münster. Er hat die Geschicke der Velorouten seit der frühen Phase miterlebt und begleitet.

veloregion.de: Herr Grawunder, gerade bekommt das Thema Velorouten an einigen Stellen richtig Schub. Was versprechen Sie sich von den Velorouten?

Carsten Grawunder: Die Velorouten sollen die Aufmerksamkeit auf das Fahrrad als Alltags-Verkehrsmittel lenken. In ihrer Freizeit fahren bereits viele Menschen mit dem Rad. Wir wollen aber ganz gezielt eine alternative und klimafreundliche Möglichkeit der Fortbewegung im Alltag anbieten. Es gibt zwischen dem Oberzentrum Münster und den Umlandkommunen starke Verflechtungen durch die attraktiven Arbeitsplätze und das Freizeit- und Kulturangebot auf der einen Seite und den bezahlbaren Wohnraum auf der anderen Seite. Wir sind innerhalb der Stadtregion schon lange an den Themen Mobilität und Wohnen „dran“. Von daher ist es wichtig, dass die Menschen langsam erste Ergebnisse sehen.

Als Sprecher der Stadtregion verspreche ich mir durch die ersten Realisierungsschritte eine stärkere Aufmerksamkeit für die besonderen Belange unserer Region. Gemeinsame Erfolge sind identitätsstiftend. Und das braucht es, um in einer Stadtregion – bestehend aus einem Oberzentrum und elf Kommunen aus drei Landkreisen – zusammenzuarbeiten und zusammenzuleben.

Wieso sind Velorouten genau jetzt eine geeignete Lösung?

Viele Menschen durch alle Altersgruppen hindurch machen sich Sorgen um unser Klima. Und diese Sorgen sind leider absolut berechtigt. Ich merke gerade in den letzten Jahren eine verstärkte Bereitschaft, sich mit den komplexen Zusammenhängen zwischen der eigenen Art sein Leben zu gestalten und den Auswirkungen auf das Klima auseinanderzusetzen. Wie wir uns täglich fortbewegen, ist ganz wesentlich. Hinzu kommt, dass der motorisierte Verkehr auf den Straßen nach Münster schon seit Jahren an seine Grenzen stößt. Technische Fortschritte zum Beispiel im Bereich der Elektromobilität machen den Wechsel vom Auto auf das Fahrrad leichter, weil die Sorge „nicht anzukommen“ genommen wird. Fahrradwege müssen aber auch sicher und attraktiv sein und deswegen kommen unsere Velorouten, die bewusst einen Ausbaustandard unterhalb von Radschnellwegen haben, genau zur rechten Zeit.

Wie ist eigentlich die Initiative entstanden und gewachsen?

Schon im Jahr 2000 war den Akteuren klar, dass die Stadtregion Münster hinsichtlich der Siedlungsentwicklung ein gemeinsamer Raum ist. Und schon damals bestand Einigkeit, dass strategische Stadtentwicklung nachhaltig erfolgen muss. In den folgenden Jahren hat sich die Stadtregion auch den Themen Einzelhandel, Gewerbeflächenentwicklung und Stadtverkehr gewidmet. Die Straßen in Münster sind nicht erst seit gestern überfüllt. Da war es naheliegend, bei den weiteren Planungen einen Schwerpunkt auf den Radverkehr zu legen. Wann genau die Idee der Veloroute laut ausgesprochen ist, kann ich gar nicht sagen. Aber die entsprechenden Beschlüsse in den jeweiligen Räten der Städte und Gemeinden sind erst 2016 gefasst worden. Zuvor war die Stadtregion Münster als erste Region überhaupt mit dem European Energy Award ausgezeichnet worden, lange vor den Fridays for Future. Die Notwenigkeit, Klima und Umwelt zu schützen, endet nicht am Ortsschild, haben wir begriffen. Die Auszeichnung hatte ein Stück weit Initialwirkung und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass wir auch die Form unserer stadtregionalen Zusammenarbeit intensiviert haben. Richtig Fahrt aufgenommen hat sie durch die Teilnahme an landesweiten Wettbewerb „Stadt.Umland.NRW“ 2017. Wenngleich wir nicht auf dem ersten Platz gelandet sind, so fand das Land unseren Ansatz dennoch insgesamt förderungswürdig und unterstützt die Region daher. Ein besonderes Augenmerk legen wir seither auf die verknüpfte Betrachtung von Mobilität und Wohnen. Weitere Handlungsfelder wie zum Beispiel eine abgestimmte Schulentwicklungsplanung sind aber bereits definiert.

...und warum hat es so lange gedauert?

Wir alle, die in unseren Kommunen in verantwortliche Ämter gewählt worden sind, haben zunächst einmal den Auftrag erhalten, uns um das Wohl „unserer Kirchtürme“ zu kümmern. Wir mussten erst einmal lernen, bestehende Strukturen aufzulockern und neu zu denken. Die Bereitschaft, den eigenen Kirchturm dabei mal etwas am Rande stehen zu lassen, musste erst wachsen, ebenso wie das gegenseitige Vertrauen. Gerade die sehr unterschiedlichen Größen der in der Stadtregion Münster vereinten Städte und Gemeinden stellen mitunter auch eine Hürde dar. Diese Hürden haben wir gelernt abzubauen oder doch zumindest zu verkleinern. In gemeinsamen Rätetreffen und durch die Bildung eines stadtregionalen Beirates ist es gelungen, über die Bürgermeisterin und Bürgermeister hinaus die politischen Akteure für unsere Zukunftspläne zu gewinnen. Hierbei legen wir sehr großen Wert darauf, dass bestehende Verwaltungsstrukturen und Zuständigkeiten (12 Räte und 3 Landkreise und eine Kreisfreiestadt) nicht infrage gestellt werden.

Warum baut die Stadtregion nicht richtige Radschnellwege?

Weil wir Alltagsrouten bauen wollen, die in die Landschaft passen. An vielen Stellen werden wir starke Konkurrenzen in den unterschiedlichen Verkehrssystemen erleben. Unser Ziel ist ein abgestimmtes Miteinander und keine Dominanz an anderer Stelle. Im Übrigen geht es natürlich auch hierbei darum, mit den Ressourcen achtsam umzugehen. Und die Velorouten sind eben deutlich günstiger umzusetzen.

Wann wird die Route nach Drensteinfurt fertig sein?

Da möchte ich kein Datum nennen. Denn wir werden uns am Anfang Streckenabschnitte vornehmen, die es am nötigsten haben, und Abschnitte, die heute noch baulich in einem guten Zustand sind, erst mal unangetastet lassen. Die Strecke von Drensteinfurt nach Münster existiert bereits heute, und sie wird sich Schritt für Schritt entwickeln. Für mich ist wichtig, dass wir jetzt erst einmal die Abschnitte identifizieren, die einer schnellen Überplanung bedürfen.

Werden Sie dann selbst auch auf der Route fahren?

Natürlich! Ich bin bereits heute sehr gerne mit dem Rad in unserer Umgebung unterwegs und werde den Fortschritt der Velorouten selbstverständlich auch vom Rad aus im Blick behalten. Die Routen stehen ja auch nicht alleine da, sondern sind über Zubringerrouten miteinander vernetzt. Die „eigene Veloroute“ behält dabei natürlich immer einen besonderen Stellenwert.